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Lebensversicherung: Ratingagentur S&P warnt vor sinkenden Zinsen
Montag, 21. November 2011

Lebensversicherung: Ratingagentur S&P warnt vor sinkenden Zinsen


Schon lange Zeit ist die Lebensversicherung als Maßnahme der privaten Altersvorsorge in der Kritik. Jetzt spricht sich sogar die Ratingagentur S&P gegen dieses Versicherungsprodukt aus und warnt Verbraucher vor sinkenden Zinsen. Den Experten zufolge wird die Lebensversicherung mehr und mehr zum Auslaufmodell.





Lebensversicherung erntet 2011 viel Kritik


Es gibt wohl kaum ein anderes Vorsorgeprodukt, das in diesem Jahr so heftiger Kritik ausgesetzt war wie die Lebensversicherung. So musste die Regierung bereits hart durchgreifen, da die meisten Versicherungsgesellschaften die Überschussbeteiligung für das Jahr 2011 auf knapp 4 % absenkten. Das Bundesfinanzministerium sah sich in der Pflicht, den Garantiezins auf den Sparanteil für Verträge, die ab 2012 geschlossen werden, von 2,25 auf 1,75 Prozent abzusenken.


Senkung des Garantiezins


Für alle Versicherten bedeutet dies, dass sie in Zukunft mit weniger Zinsen auskommen müssen. Dass es zu noch mehr Einbußen kommen wird, davon ist die Ratingagentur Standard & Poor's überzeugt. Die Experten sind der Meinung, dass viele deutschen Lebensversicherer in den kommenden Jahren ihre Gewinnbeteiligung rapide senken müssen, um sich ihre langfristige Finanzstärke zu sichern. Wolfgang Rief, Versicherungsanalyst bei Standard & Poor's dazu: "Nachhaltig niedrige Zinsen, volatile Finanzmärkte und steigendes Kreditrisiko dämpfen die Aussichten für die Entwicklung der Rohüberschüsse und erhöhen zugleich den Druck auf die Lebensversicherer, ihre Gewinnbeteiligung zu reduzieren"


Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft warnt Verbraucher


Dieser Meinung schließt sich auch Rolf-Peter Hoenen, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, an. Für ihn ist die Niedrigzinspolitik in Europa "weit schlimmer als jede Abschreibung auf griechische Staatsanleihen". Er sieht deshalb die Altersvorsorge der Deutschen in Gefahr und ist der festen Überzeugung, dass die Bezüge im Ruhestand geringer ausfallen werden als ohne Niedrigzinsstrategie. Er fordert ein Exit-Szenario aus der aktuellen Zinspolitik.


Immer mehr Anbieter senken Überschussbeteiligung


Hintergrund: Für das Jahr 2011 geht man von einer durchschnittlichen Gewinnbeteiligung von 4,1 Prozent aus. Doch für dieses Jahr haben fast zwei von drei Lebensversicherungsgesellschaften, darunter Allianz und R+V Leben, ihre Überschussbeteiligung gesenkt. Auch ein Vergleich des Analysehauses Morgen & Morgen für Handelsblatt Online zeigt, dass die Verzinsung für Lebensversicherungen durchschnittlich nur noch bei 4,05 Prozent liegt. Dabei lag dieser Satz vor knapp zehn Jahren noch bei mehr als 7 %. Für die Analyse orientierte man sich an 72 Gesellschaften.


Lebensversicherung wird zum Auslaufmodell


Leider verspricht der Trend keine Aufwärtsspirale, sondern geht immer weiter abwärts. Der S&P-Analyst Rief weiß: "Für die jetzt vor Jahresende 2011 zu beschließende Gewinnbeteiligung für 2012 erwarten wir angesichts des großen Wettbewerbdrucks nur eine relativ geringe Absenkung. Jedoch erwarten wir weitere Absenkungen für die Jahre danach, wenn das Zinsniveau nachhaltig niedrig bleibt."


Schwächere Gesellschaften schütten weniger aus


Laut Standard & Poor's werden vor allem schwächere Gesellschaften ihre Gewinnbeteiligung absenken, während finanzstarke Unternehmen, die hohe Investmenterträge und solide Risikoüberschüsse haben, diese nur geringfügig absenken müssen. Doch schon jetzt lohnt es sich, genauer hinzusehen, denn zwischen den einzelnen Anbietern gibt es erhebliche Unterschiede. Neben dem Garantiezins bestimmt nämlich auch die laufende Verzinsung in erheblichem Maße die Rendite einer Lebensversicherung. Und diese Messgrößen werden jedes Jahr von den Unternehmen neu festgelegt. Die Überschussbeteiligung 2011 ist zum Beispiel um bis zu 0,4 Prozentpunkte gefallen.


Beste Verzinsung bei Targo, Europa und Fortis


Derzeit bieten Targo mit 4,8 Prozent sowie Europa und Fortis mit jeweils 4,5 Prozent die beste Verzinsung bei Lebensversicherungen. Schlusslicht sind der Münchener Verein mit 3 % sowie VPV und Öffentliche Berlin mit 3,25 und 3,4 Prozent. Trotz dieser niedrigen Werte gehen Versicherungsgesellschaften damit das Risiko einer Überschuldung ein, denn sie zahlen mehr, als sie sich eigentlich leisten könnten. Martin Zsohar, Geschäftsführer bei Morgen & Morgen, weiß "Die meisten Gesellschaften dürften angesichts der niedrigen Zinsen aktuell ihre Reserven angreifen."






Produkt Lebensversicherung im Teufelskreis


Was ist nun aber die Empfehlung in Bezug auf die deutschen Lebensversicherer? Laut Standard & Poor's ist dieses Dilemma ein Teufelskreis, für den es wohl keine Lösung zu geben scheint. So fordern Versicherer auf der einen Seite Aufsicht und Aktionäre dazu auf, die Kapitalerfordernisse zu senken und die Profitabilität zu erhöhen, auf der anderen Seite ist es aufgrund der düsteren Prognosen zu einem Rückgang bei den Lebensversicherungen bekommen. Kunden meiden diese Altersvorsorgemaßnahme, wenn sie keine langfristigen Garantien sowie eine hohe Gewinnbeteiligung erhalten.


Alternative Produkte mit veränderten Garantiekonzepten sind die Zukunft


Standard & Poor's empfiehlt Verbrauchern, sich für alternative Produkte mit veränderten Garantiekonzepten oder Hybridprodukte, welche bei den Gesellschaften für eine langfristige Finanzstärke sorgen, zu entscheiden. Besonders sinnvoll sind Produkte, die flexible Garantien haben, welche sich der aktuellen Entwicklung des Finanzmarktes anpassen können.


Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz empfiehlt, Lebensversicherung zu meiden


Noch deutlichere Worte findet Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Seiner Meinung nach ist das Produkt Lebensversicherung zu unflexibel und steuerlich nicht mehr bevorteilt, weswegen heutzutage niemand mehr eine solche Police brauche. Wortberg empfiehlt denjenigen, die ihren Vertrag vor 2004 abgeschlossen haben, diesen einfach weiterlaufen zu lassen, da hier der Steuervorteil erhalten bleibt. Komplexer wird es für diejenigen, die neue Verträge haben. Der Experte empfiehlt denjenigen, die knapp bei Kasse sind oder einen schlechten Anbieter haben, eine Beitragsfreistellung zu prüfen. Von einer kompletten Kündigung rät er ab, da in diesem Fall die Verluste zu hoch wären. Wer bislang keine Lebensversicherung hat, sollte sich eine solche laut Wortberg auch nicht zu legen: "Es gibt genügend andere gute Produkte."





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